Verlaufen.

Leider ist es hier wirklich schwer sich im Wald zu verlaufen. Nach ein paar hundert Metern trifft mensch spätestens immer wieder auf einen Schotterweg, die zu tausenden im Karomuster jeden Wald in Stücke schneiden.
Manchmal hat mensch jedoch auf das Glück plötzlich jede Orientierung verloren zu haben. Nur für ein paar Minuten folge ich einer Rehspur, dann einem pechschwarzen Eichhörnchen, welches immer wieder frech drei Bäume weiter rennt, dann stehen bleibt und geduldig auf mich wartet, nur um dann wieder flink und mit einem belustigtem Keckern weiterzuhüpfen. Und eine Lichtung weiter in eine andere Richtung, schimmern mir da nicht wundervolle rote Pilze entgegen? (Ohja, es waren tatsächlich welche, siehe Foto)

 

Und schon meldet sich die kleine Stimme im Kopf: Warte mal. Wo bin ich eigentlich? Dieser Teil des Waldes ist mir völlig unbekannt. (Ein kleiner Teil meines Kopfes, welcher wohl auch nicht mal in der ernstesten Situation still ist, wirft gleich einer meiner Lieblingsstellen von Gandalf aus Herr der Ringe nach mir: )

Ich muss ein wenig kichern. Sehr zum Erschrecken des Eichhörnchens, welches sich jetzt ganz weit oben in die Krone einer Eiche verzieht.
Wieso schnürrt mensch eigentlich das Gefühl sich „Verlaufen zu haben“ automatisch die Kehle zu? Habe ich zu viele Märchen gelesen? Wirklich so verlaufen, dass mensch etwas ernstes passiert, ist in unseren Breitengraden fast nicht möglich. Sollten wir dann diese Losgelöstheit von allem nicht sogar genießen, und suchen? Wenn ich schon nicht mal mehr weiß wo ich bin, weiß es auch niemand andres (und ja, Smartphones werden daheim gelassen 😉 ) und ich kann mich endlich mal völlig auf mich und meine Umgebung konzentrieren, bin in Gedanken nun wirklich im Hier und Jetzt. Kann endlich einmal aufatmen.

Trotzdem: Das Gefühl der völligen Orientierungslosigkeit ist für einen Moment so ungewohnt, überwältigend. Vielleicht kennen wir es nicht mehr plötzlich „hilflos“ zu sein? Können wir noch auf eigenen Beinen stehen? Ohne Orientierung sein, dass kennen wohl wie ich die meisten Menschen nur noch wage, wenn sie sich in einer Großstadt verirren. Mit Smartphone ist das aber heute eigentlich alles kein Problem mehr. Selbst ohne Akku sind sicher immer wieder Menschen in der Nähe, die mensch nach Rat und Richtung fragen kann.

Doch mitten im Wald? Das Eichhörnchen scheint mir mittlerweile nicht mehr kommunikativ, und vielleicht würde es mich aus reiner Freude am Schabernack noch weiter im Kreis führen.
Die schnellste Lösung für ein solches Problem? Studentenfutter! 😉
Sich einfach ein paar Minuten gemütlich auf den Waldboden setzen und etwas essen wirkt Wunder. (und es muss noch nicht mal Studentenfutter sein 😉 )
Und schon klettert das mulmige Gefühl der „verirrt sein“ wieder wie kleine Ameisen zurück in den Boden. Und plötzlich, in der Ruhe, merkt mensch schon (leider) wieder, aus welcher Richtung die Autobahn-Geräusche kommen, wo die Sonne am Untergehen ist. In welcher Richtung die nächste Ortschaft liegt.
Und ich merke, dass ich im Kreis gelaufen bin.
Aus der Froschperspektive, beim Naschen, sehe ich meine orange leuchtende Warnweste, die ich auf meinem abgesperrten Fahrrad drei Fichten weiter östlich gelassen habe.

Das war ja ein wildes Abenteuer.. Aber ich habe wieder einmal gemerkt, dass sich der weise Spruch

DON’T PANIC!

aus dem Hitchhiker’s Guide to the Galaxy schon wieder als äußerst hilfreich erwiesen hat 😉

P.S.: Ein Lebkuchenhaus habe ich leider immer noch nicht gefunden. Hoffentlich verlaufe ich mich bald wieder.

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